Ueber A.Hoedtke, von N.Jaenisch

Auszug aus „die Gespenster haben auch Angst“ von Nina Jaenisch 2009

Aus dem Halbdunkel des tiefer gelegten Galerieraums des Club 68 leuchten die Arbeiten von Andreas Hoedtke hervor, in denen Licht in all seinen Facetten, vom natürlichen bis zum künstlichen, vom blendenden bis zum verdeckten, eingefangen ist.
Es rieselt wie discobunter Sternenregen, dort wo es sich doppelt bricht, im Kondenswasser zweier Scheiben und in der Linse der Kamera und offenbart die ganze Palette der Farbigkeit, die in ihm steckt. Es glimmt gelblich-weiß aus einer Laterne und verleiht der Tristesse eines urbanen Nebenschauplatzes eine mysteriöse, fast filmreife Bedeutung. Es setzt einen Spot auf einer riesigen Wolke und beschert ihr im Bruchteil einer Sekunde einen dramatischen Glanz in Grau und Weiß. Es bleibt diffus in den verstaubten Scheiben eines Zugfensters hängen, so dass im Gegenlicht vermutlich arglose Fahrgäste zu schemenhaften Silhouetten eines Spionagethrillers gerinnen. Das Licht ist immer der unsichtbare Dritte, der meist unbemerkt die Fäden zwischen Objekt und Fotograf, zwischen Bild und Betrachter zieht. Andreas Hoedtke hat sich vor sechs Jahren auf seine Spur begeben und entlarvt es seitdem in seinen Arbeiten als visuellen Hauptakteur. Da ihm nur der Zufall den richtigen Augenblick zuspielen kann, ist es notwendig immer bereit zu sein, eine Digitalkamera stets bei sich zu führen, für die nächtlichen Aufnahmen auch mal ein Stativ. Doch um das Geheimnis des Lichts und der Dinge fotografisch zu erfassen, bedarf es noch mehr. Mit den Worten Kafkas ausgedrückt:
„Die Photographie fesselt den Blick an die Oberfläche. Damit vernebelt sie gewöhnlich das verborgene Wesen, das nur wie ein Licht- und Schattenhauch durch die Züge der Dinge hindurchschimmert. Dem kann man mit den schärfsten Linsen allein nicht beikommen. Man muß sich da schon mit dem Gefühl vortasten…“
Manchmal mag das Licht dem Künstler so spektakulär ins Auge springen wie die Scheinwerferwand von geradezu außerirdischen Dimensionen bei nächtlichen Bauarbeiten an der Gablenzbrücke, oft aber hält es sich jedoch bedeckt, scheinbar im Hintergrund. Wie das Morgenlicht, vor dessen Fond aus strahlender Helligkeit verrottete Gartenlampen plötzlich selber im Rampenlicht stehen und als Objekte von seltsamen Reiz späte Weihen erhalten. Nur für den aufmerksamen Blick enttarnt sich in den Fotografien ein Spinnennetz, das wie eine zweite Ebene das Bild durchzieht, wie lautlose Schallwellen oder auch zarte Stützseile, die von den klobigen Geräten ausgehen. Andreas Hoedtke spielt in seinen aktuellen Arbeiten – sie sind alle im letzten Jahr entstanden – immer auch mit der surrealen Dimension, die der Fotografie in besonderer Weise zu eigen ist, wie Susan Sontag in ihrem Aufsatz ‚Objekte der Melancholie’, betont. Ich zitiere:
„Surrealismus liegt bereits in der Natur des fotografischen Unterfangens, in der Erzeugung eines Duplikats der Welt, einer Wirklichkeit zweiten Grades, die zwar enger begrenzt, aber dramatischer ist als jene, die wir mit eigenen Augen sehen.“ Hier regen sich die Gespenster, offenbart sich das Unbekannte im Vertrauten, das Andreas Hoedtke gelegentlich auch durch eine ungewöhnliche Perspektivwahl aus seinem Versteckt lockt. Etwa wenn er die Kamera auf Fußhöhe eines Schaufensters positioniert und der schräge Blick auf die dunkle Fensterflucht unter gleißendem Vordach vor allem den schwarzen Heizkörper als Schauware präsentiert, so dass sich darin die aufgeladene Leere der nächtlichen Stadtszenerie, aber auch die grafische Wirkung der diagonalen Linienführung verdichtet. Oder wenn er bei seinem Blick in die Wolken ein Fahrstuhlhäuschen so aufnimmt, das es angeschnitten vom unteren Bildrand wie eine romantische Strandhütte im Himmel schwebt. Nur in den seltensten Fällen nimmt der Künstler neben einer gelegentlichen Auskontrastierung eine Weiterbearbeitung seiner Fotografien vor. Diese sind minimal, aber von überraschendem Niederschlag. Beispielsweise wenn er ein Bild um 180 Grad dreht und aus der Wasserspiegelung verschwommener Häuserreihen in gelboranger Gewitterstimmung eine fatamorgeske Wüstenstimmung im Kielerstadtbild – genauer zwischen alter Margarinefabrik und Musikschule – heraufbeschwört.

(Nina Jaenisch)

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